Gewalt gegen Pflegebedürftige Gewalt gegen Pflegebedürftige
02/09/2013 13:46 Keine Kommentare


Vor einiger Zeit ließ uns eine Schlagzeile, Ergebnis einer Studie der WHO (Weltgesundheitsorganisation), irritiert die Köpfe heben:

„10.000 alte Menschen werden in Europa täglich misshandelt.“ Wie ist so etwas im „zivilisierten“ Europa möglich, fragen wir uns entsetzt.

Versuchen wir uns dem Thema Gewalt vorerst mit Hilfe einer Definition anzunähern:

 

„Unter Gewalt ist eine Handlung oder Drohung zu verstehen, die grundlegende menschliche Bedürfnisse (Wohlbefinden, Überleben, persönliche Identität und Freiheit) beeinträchtigt, einschränkt oder deren Befriedigung verhindert.“

(Zitat: Hirsch)

 

Dies zeigt schon, dass Gewalt sehr vielfältig in Erscheinung tritt, manchmal nicht gleich als solche erkannt wird und zuweilen, beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, auch Struktur immanent sein kann.

Gewalt gegen ältere Menschen kann jedoch aufgrund vielfältigster Parameter überhaupt erst entstehen. Überforderung und Hilflosigkeit der Helfer und Betreuungspersonen sowie mangelnde Unterstützung kann ebenso eine Rolle spielen wie auch eine generell abwertende Einstellung der Gesellschaft dem Alter und damit alten Menschen gegenüber. 

 

Gewalt gegen abhängige und insbesondere pflegebedürftige Menschen hat viele Schattierungen. Nicht immer ist sie als solche erkennbar, die Grenzen sind oft fließend. Da Gewalt vielfach im Familienkreis „passiert“ ist die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch. Zudem kommt eine Tabuisierung des Themas. Die Bandbreite reicht von offensichtlicher und aktiver Misshandlung (körperliche Gewalt) über passive „Unterlassungen“ zu noch subtileren (weniger erkennbaren) psychischen Misshandlungen.

 

Nachfolgend möchten wir ein paar gängige Beispiele von Gewalt gegen alte Menschen bringen, um eine Sensibilisierung der Gesellschaft insbesondere aber der Experten im Pflegebereich zu erreichen:

Schlagen, Verbrennen, Festbinden, Verabreichung überdosierter Medikamente, sexueller Missbrauch, Beschimpfungen, Einschüchterungen, Drohungen, respektloser Umgang, finanzielle Ausbeutung, Erzwingen von Eigentumsübertragung, Manipulation bei Abfassung eines Testaments, Mangelernährung, Zulassung von Dehydration, Unterlassung der Reinigung des Bettes und ausreichender Körperhygiene, Verweigerung der Versorgung mit Essen und Medikamenten, Alleinlassen, Isolierung, Schweigen.

 

In Pflegeeinrichtungen werden alte Menschen heutzutage üblicherweise mit hoher menschlicher und fachlicher Kompetenz versorgt und behandelt. Dennoch gibt es ein breites Spektrum an Tätigkeiten und Regelungen, die alte Menschen demütigen und verletzten, sogar schaden können. Vieles davon wird als Gewalt gar nicht wahrgenommen. Die Grenzen sind auch hier fließend. Wann ist eine notwendige Medikamentengabe, Teil der täglichen Fürsorge und ab wann wird sie, gegen den Willen des (beispielsweise dementen) Patienten verabreicht, zu Quälerei und Zwang?

Jenseits festgelegter Pflegepraktiken, ist es leider ein Faktum, dass Pflegende und Betreuer sowohl in Einrichtungen als auch im häuslichen Bereich oft überfordert und von der täglichen Konfrontation mit Alter, Verfall und Krankheit zunehmend frustriert sind. Zuweilen sind Pflegende auch Aggressionen mental beeinträchtigter Patienten ausgesetzt. Gefühle der Unzulänglichkeit, des Frustes aber auch des Widerwillens können sich anstauen. Die Patienten wiederum fühlen sich ohnmächtig der Institution und ihren Betreuern ausgeliefert. Ein Teufelskreis entsteht. Immer wieder äußern verzweifelte alte Menschen auch den Wunsch zu sterben. Wie der einige Jahre zurückliegende Fall in Österreich (Pflegeheim Lainz) zeigt, kann es im Extremfall zur Tötung aus „Mitleid“ (oder aus Überdruss) kommen.

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